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Über die wohlige Wärme am digitalen Scheiterhaufen

„Es macht mir wirklich keinen Spaß, Existenzen zu vernichten. Aber irgendwer muss es ja tun.“

Ein Satz, der auf der Zunge zergeht wie der Schaum eines lauwarmen Matcha Latte. Mit genau dieser säuerlichen Mischung aus tief empfundenem Märtyrertum, gespieltem Pflichtbewusstsein und unverhohlener Selbstgefälligkeit sitzt sie vor dem Bildschirm. Der Zeigefinger ruht auf dem Trackpad, die Hornbrille sitzt akkurat. Die Mission des Tages: Ein User hat online etwas geschrieben, das ihr missfiel. Nicht zwingend justiziabel, kein handfester Fall für die Staatsanwaltschaft, aber nach ihren hauseigenen, tagesaktuell kuratierten Maßstäben schlicht untragbar.

Der Weg zur Polizei? Zur Internetwache? Ach, bitte. Den staatlichen Instanzen traut sie die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ohnehin nicht zu. Paragrafen sind viel zu träge, Gesetze viel zu grobschlächtig für das feine, hochdifferenzierte Gespür, das man sich in zahllosen identitätspolitischen Debattenrunden und Selbstbestätigungszirkeln antrainiert hat. Ein ordentlicher Rechtsstaat mit Beweisaufnahme, Unschuldsvermutung und rechtlichem Gehör wirkt im Zeitalter der algorithmischen Echtzeit-Empörung ohnehin wie ein Relikt aus der Postkutschenzeit.

Warum also ein Verfahren abwarten, wenn man Anklage, Urteil und Vollstreckung bequem zwischen zwei Bissen Avocado-Toast erledigen kann?

Also geht die E-Mail nicht an die Justiz, sondern samt säuberlich zugeschnittenem Screenshot direkt an den Arbeitgeber des Missetäters. Die Personalabteilung als privates Exekutivorgan. Der Tonfall der Mail: eine Meisterleistung passiv-aggressiver Fürsorge. Man wolle ja nur darauf hinweisen, welches Risiko diese Person für das „wertebasierte Unternehmensimage“ darstelle. Man fragt nicht, man fordert nicht direkt – man legt die Schlinge einfach so geschickt um den Hals des Vorgesetzten, dass dieser aus reiner PR-Panik selbst am Seil ziehen muss.

Und genau in diesem Moment schießt das Dopamin ein.

Es fühlt sich einfach zu berauschend an: Dieser kurze, gleißende Kitzel absoluter Wirkmacht. Die eigene Machtlosigkeit des Alltags löst sich auf im warmen Bad der Selbstüberhöhung, gepaart mit der unerschütterlichen Gewissheit, auf der einzig wahren Seite der Geschichte zu stehen. Beschämung wird zum progressiven Volkssport, Denunziation zur emanzipatorischen Heldentat verklärt. Man vernichtet nicht einfach eine Existenz – man „schafft sichere Räume“.

Genau diese Melange aus moralischer Unfehlbarkeit, Kontrollsucht und dem Rausch, ein anderes Leben per Tastendruck ins Wanken zu bringen, ist nicht neu. Es ist derselbe Mechanismus, der historisch schon die Hetzjagden früherer Jahrhunderte antrieb: Die Inquisitorin wähnt sich im Dienst des absolut Guten, erklärt das Gegenüber für vogelfrei und feiert den Pranger als zivilisatorische Errungenschaft.

Wenn Stunden später die Kündigung eintrudelt und der digitale Scheiterhaufen in den Kommentarspalten lichterloh lodert, senkt sich der Daumen wie einst in der römischen Arena. Cäsar brauchte dafür noch ein ganzes Imperium, Prätorianer und eine Legion Soldaten. Heute genügen ein Smartphone und der unstillbare Durst nach der eigenen Erhöhung auf den Trümmern eines anderen.

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