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Leichenfledderei als Geschäftsmodell: Wie Links und Rechts das CSD-Attentat ausschlachten

Es gibt eine mathematische Gewissheit im modernen politischen Diskurs: Noch bevor das Blut vom Asphalt gewaschen ist, schalten die PR-Maschinen der ideologischen Ränder auf Vollgas. Das grauenhafte Attentat am Rande des Berliner CSD ist das jüngste Fallbeispiel für eine zutiefst verkommene moralische Dynamik.

Wenn ein islamistischer Gefährder mit einer Machete und einem Lieferwagen Jagd auf Menschen macht, ist das für normale Bürger eine menschliche Tragödie und ein Angriff auf eine freie Gesellschaft. Für die politischen Geier unseres Landes ist es jedoch etwas völlig anderes: eine erstklassige Gelegenheit zur maximalen politischen Profitmaximierung.

Die rechte Seite: Das triumphale „Wir haben es euch ja gesagt“

Auf der rechten Seite des Spektrums – angeführt von der AfD und ihren digitalen Echokammern – setzte Sekunden nach den ersten Eilmeldungen ein kaum verhehltes, fast schon triumphales Frohlocken ein. Die Nachricht, dass es sich beim Täter um den 21-jährigen Abdul B. handelt, einen polizeibekannten, islamistischen IS-Sympathisanten, wurde wie eine Trophäe herumgereicht.

Hier wird kein Mitgefühl mit den Opfern der LGBTQ+-Community geheuchelt. Für die reaktionäre Rechte sind queere Menschen im Alltag meistens ohnehin nur „woke Degenerierte“, die man wahlweise aus dem öffentlichen Raum verbannen oder biologisch wegerklären möchte. Doch in dem Moment, in dem Blut fließt und der Täter ins Migrationsschema passt, mutieren dieselben Rechten plötzlich zu den feurigsten Verteidigern des CSD.

Die Instrumentalisierung ist von brutaler Einfachheit: Das Attentat wird sofort als ultimativer Beweis für das „Totalversagen der Migrationspolitik“ verbucht. Man nutzt die Toten als Rammbock gegen die Genfer Flüchtlingskonvention und als Treibstoff für den eigenen Landtagswahlkampf. Es geht nicht um die Opfer; es geht um die zynische Genugtuung, Recht behalten zu haben. Die Opfer sind austauschbare Statisten in einer rassistischen Generalabrechnung.

Die linke Seite: Verschwörungsmythen aus der kognitiven Dissonanz

Wer jedoch glaubt, die moralische Bankrotterklärung bliebe ein Monopol der Rechten, unterschätzt die intellektuelle Akrobatik der linken Szene. Hier kollabierte in den Stunden nach der Tat das mühsam gepflegte Weltbild. Wenn die Realität nicht zur Ideologie passt, muss eben die Realität passend gemacht werden.

Da der Täter kein weißer Glatzkopf mit Springerstiefeln war, begann in den linken Blasen auf X und Threads sofort die große Nebelkerzen-Produktion. Plötzlich schwirrten die wildesten Theorien durch den Raum: Steckt vielleicht doch die AfD dahinter, die den Anschlag inszeniert hat, um kurz vor den Wahlen die Stimmung anzuheizen? Sind es russische Bots, die den IS erfunden oder den Täter ferngesteuert haben, um Deutschland zu destabilisieren?

Diese kognitive Dissonanz ist atemberaubend. Die linke Szene leidet unter einer akuten Allergie gegen die Realität des radikalen Islamismus. Lieber flüchtet man sich in wahnhafte Verschwörungsmythen über finstere Putin/AfD-Plots, als anzuerkennen, dass das reingefeierte Multikulti-Diorama eine hässliche, tödliche Bruchlinie hat. Die queeren Opfer werden von links eiskalt verraten, indem man den Täter und seine zutiefst reaktionäre, homophobe Ideologie hinter geopolitischen Nebelwänden versteckt. Bloß kein Narrativ der Rechten bedienen – selbst wenn man dafür die Realität opfern muss.

Die Ränder sind sich stillschweigend einig

Das eigentliche Paradoxon liegt in der ideologischen Schnittmenge, die beide Seiten tunlichst verschweigen. Der radikale Islamismus und der radikale Rechtsextremismus sind in ihrer DNA Zwillinge im Geiste – insbesondere, was den Hass auf liberale Werte, Gleichberechtigung und sexuelle Minderheiten angeht. Der IS-Sympathisant Abdul B. teilt mit dem völkischen Extremisten dasselbe mittelalterliche Frauenbild, dieselbe paranoide Abscheu vor Queerness und dieselbe tiefe Sehnsucht nach einer autoritären Säuberung der Gesellschaft.

Doch anstatt diesen gemeinsamen Nenner des Totalitarismus zu bekämpfen, nutzen beide politischen Ränder das CSD-Attentat, um sich gegenseitig zu bekämpfen. Links instrumentalisiert den Anschlag, um den Kampf gegen Rechts zur absoluten Religion zu erheben, während man vor dem islamischen Antisemitismus und der homophoben Gewalt aus dieser Ecke die Augen verschließt. Rechts instrumentalisiert ihn, um den Generalverdacht gegen Migranten zu befeuern, während man im eigenen Lager denselben dumpfen Kulturkampf gegen alles Queere führt.

Die Ausbeutung der Tragödie

Am Ende dieses unwürdigen Schauspiels bleiben die Opfer auf der Strecke. Sie wurden zweimal attackiert: Zuerst ganz real auf der Straße durch die Machete eines religiösen Fanatikers. Und danach virtuell durch die Tastatur-Krieger der politischen Ränder, die ihre Leichen als politische Währung missbrauchen.

Wer heute meint, dieses Attentat in eine simple Links-Rechts-Schablone pressen zu müssen, um Punkte im Kulturkampf zu sammeln, liefert nur den endgültigen Beweis für die eigene moralische Verwahrlosung. Es ist die Kapitulation des Anstands vor dem Diktat der Klicks und der Wählerstimmen. Und genau das macht unsere politische Landschaft momentan so unerträglich.

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