Warum kuratierte Imperfektion die letzte Zuflucht der Belanglosen ist
Ich lasse manchmal abends das dreckige Geschirr stehen.“
Und darunter: Applaus. Betroffenheit. „So mutig.“ „Danke für deine Ehrlichkeit.“
Ganz ehrlich: Seit wann ist Müdigkeit ein Statement? Seit wann wird ein unaufgeräumter Küchentisch als Akt der Befreiung gefeiert?
Die perfekte Dramaturgie
Social Media hat eine eigenartige Dynamik entwickelt. Zuerst wird ein überhöhter Perfektionsstandard aufgebaut – makellose Wohnungen, durchorganisierte Routinen, emotionale Selbstoptimierung, ästhetisch kuratierter Alltag. Und dann wird die minimale Abweichung davon als rebellischer Akt verkauft. Das liegengebliebene Geschirr wird zur „ehrlichen Realität“. Augenringe werden zur „radikalen Offenheit“. Banale Erschöpfung wird zur gesellschaftlichen Grenzüberschreitung. Unkraut im Garten? Ein ungebügeltes Hemd? Ausdruck der kompromisslosen Andersartigkeit. Ach, ich bin ja so authentisch.
Das ist keine Revolution. Das ist Dramaturgie. Das ist Content-Strategie. Und das ist – wenn wir ehrlich sind – oft genug narzisstische Selbstinszenierung.
Denn was hier passiert, ist eine systematische Umdeutung von Banalität in Bedeutung. Und diese Umdeutung funktioniert nur unter einer impliziten Prämisse: dass ich im Mittelpunkt stehe. Dass mein Geschirr, meine Müdigkeit, meine banale Unordnung irgendwie wichtig sind. Dass die Welt darauf gewartet hat, dass ausgerechnet ich den Mut aufbringe, meine Menschlichkeit zu zeigen.
„Warum sind immer noch so viele schockiert, wenn ich das zeige?“
Niemand ist schockiert. Es braucht es diese angenommene Empörung, um sich selbst als mutige Gegenfigur inszenieren zu können. Die imaginierte Zielscheibe der Perfektionserwartung nur ein Strohmann, gegen den man heroisch ankämpfen kann.
Kuratierte Imperfektion als narzisstische Strategie
Erst wird Perfektion als Bühne gebaut. Dann wird eine minimale Unzulänglichkeit als Charaktertiefe verkauft. Das ist keine rohe Ehrlichkeit. Das ist kuratierte Imperfektion. Die Botschaft lautet nicht: „Ich bin auch nur ein Mensch.“ Sondern: „Seht her, sogar meine Fehler haben Narrativ. Sogar mein Chaos macht mich besonders.“
Das ist der Kern narzisstischer Dynamik: Die permanente Rückbindung aller Inhalte an die eigene Person. Die Unfähigkeit, einfach etwas zu sein, ohne es gleichzeitig performen zu müssen. Die zwanghafte Transformation jeder Regung in öffentliche Selbstdarstellung.
Normal wäre: Geschirr stehen lassen, morgen spülen, fertig.
Narzisstisch wird es, wenn daraus eine Erzählung gemacht werden muss. Wenn das Geschirr nicht einfach steht, sondern inszeniert werden muss. Wenn die Müdigkeit nicht einfach gefühlt, sondern verkündet werden muss. Wenn aus der Banalität des Alltags eine Bühne für die eigene vermeintliche Besonderheit konstruiert wird.
Das wirklich Banale ist nicht das Geschirr. Nicht die Müdigkeit. Nicht der chaotische Alltag.
Banal ist die narzisstische Dramatisierung. Banal ist das Framing von Normalität als Tabubruch. Banal ist die ständige Selbsterhöhung zum Rebellen, wo eigentlich nur Leere ist.
Wer unter permanentem impliziten Perfektionsdruck steht, erlebt subjektiv selbst kleine Abweichungen als Regelbruch. Das erklärt den Druck. Aber nicht die Inszenierung.
Wenn man davon ausgeht, dass solche Posts nicht Verarbeitung von Druck, sondern strategisches Kalkül sind, dann sieht das Ganze nüchterner aus.
Die Mechanik ist simpel: Aufmerksamkeit entsteht durch Emotionalisierung. Große Themen sind riskant, komplex oder erfordern Substanz. Also nimmt man das Kleinste, Alltäglichste – und lädt es künstlich auf. Das dreckige Geschirr wird nicht gezeigt, weil es relevant ist. Es wird gezeigt, weil es anschlussfähig ist. Jeder kennt es. Jeder kann reagieren. Niedrige Einstiegshürde, hohe Interaktionswahrscheinlichkeit.
Das ist kein Mut. Das ist Content-Optimierung. Und das ist – wenn wir so weit gehen wollen – die perfekte Verschmelzung von strategischem Kalkül und narzisstischem Bedürfnis nach permanenter Bestätigung.
Wenn keine echte Kontroverse, keine Expertise, keine klare Haltung vorhanden ist, braucht es regelmäßig Mikro-Geständnisse, um relevant zu bleiben.
So entsteht ein paradoxer Effekt: Je belangloser das Thema, desto stärker muss es rhetorisch überhöht werden. Je weniger Substanz dahinter steht, desto lauter muss das „Seht mich!“ inszeniert werden. „Ich bin auch mal unordentlich“ wird zum gesellschaftlichen Statement aufgeblasen, weil ohne diese narzisstische Aufladung schlicht nichts bleibt.
Die Leerstelle hinter dem Geschirr
Das eigentliche Problem ist nicht das Geschirr. Es ist die Leerstelle dahinter. Wer wirklich etwas zu sagen hat, braucht keine inszenierte Imperfektion. Substanz erzeugt Reibung von allein. Haltung polarisiert auch ohne Küchenchaos. Expertise braucht keine dramatisierte Müdigkeit. Und wer tatsächlich an sich selbst interessiert ist – nicht nur an der Resonanz auf sich selbst –, muss nicht jede Banalität zur Performance erheben.
Wenn man es zynisch formuliert:
Kuratierte Unperfektion ist das letzte Stilmittel, wenn weder Kompetenz noch echte Provokation noch originelle Perspektive vorhanden sind. Also wird Normalität zur Bühne erklärt. Also wird die eigene Belanglosigkeit zum rebellischen Akt umgedeutet. Also wird aus narzisstischem Mitteilungsbedürfnis eine vermeintliche Mission.
Und das Tragische daran? Es funktioniert.
Weil Algorithmen Emotionalisierung belohnen. Weil das Publikum längst darauf konditioniert ist, selbst kleinste Selbstoffenbarungen als „mutig“ zu lesen. Und weil unsere digitale Aufmerksamkeitsökonomie narzisstische Strategien systematisch verstärkt.
Die unbequeme Erkenntnis
Die Frage ist also weniger, warum diese Posts entstehen. Sondern warum so viele bereit sind, dort zu applaudieren, wo eigentlich nur strategische Selbsterhöhung stattfindet. Warum wir narzisstische Performance als Authentizität feiern. Warum wir die Inszenierung von Imperfektion für Ehrlichkeit halten.

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