Früher nannte man Dinge beim Namen: Betrug war Betrug, Rücksichtslosigkeit war Rücksichtslosigkeit, Faulheit war Faulheit. Heute nennen wir sie Diagnosen. Nicht, weil wir klüger geworden sind – sondern weil wir Konflikte scheuen, Verantwortung scheuen und uns moralische Unbequemlichkeiten gern wegdiagnostizieren.
Vom miesen Charakter zur klinischen Erklärung
Was früher als Unzuverlässigkeit galt, heißt heute ADHS.
Was früher als Kälte oder Egoismus galt, nennt sich Autismus.
Was früher als wiederholter Betrug galt, wird mit Manie erklärt.
Das ist kein medizinischer Fortschritt. Das ist moralisches Whitewashing. Ein Etikett ersetzt kein Gewissen. Ein Label ersetzt keine Reue. Aber es ersetzt die unangenehme Wahrheit: dass manche Menschen einfach nicht bereit sind, ihr Verhalten zu ändern.
Das neue Spiel: Umetikettieren statt ändern
Ich betrüge meinen Partner immer wieder? Manie.
Ich bin kalt, verletzend und empathielos? Autismus.
Ich halte Deadlines nicht ein, übernehme keine Verantwortung, bin planlos und unzuverlässig? ADHS.
Die Diagnose wirkt wie ein Weichzeichner. Plötzlich verschwimmen die Konturen zwischen persönlichem Versagen und Krankheit. Jede Kritik wird sofort als Angriff auf die Person interpretiert – nicht als Rückmeldung zu ihrem Verhalten. Alles, was unbequem ist, kann mit einem Schlag zu einem Symptom erklärt werden.
Beispiel: die bipolare Frau, Version Realität
Sie ist klug, eloquent, emotional brillant. In manischen Phasen überschreitet sie jede Grenze. Lügen, Betrügen, emotionale Verwüstung. Menschen bleiben verbrannt zurück.
Danach: Reue, Tränen, Diagnose. Die Krankheit erklärt das Chaos – und wird gleichzeitig zur Ausrede für alles darin.
Kritik? Unzulässig. Konsequenzen? Unfair. Abstand? Stigmatisierend.
Die Diagnose wird nicht genutzt, um Verantwortung zu übernehmen, sondern um sie abzuschaffen. Bipolar ist heute kein medizinischer Befund mehr, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Fast schon ein Branding: intensiv, kreativ, besonders. Unberechenbarkeit wird Tiefe genannt. Rücksichtslosigkeit wird Komplexität.
Und wer sein Verhalten als Symptom definiert, muss es nicht mehr verändern.
Krankheit ersetzt Gewissen
Der entscheidende Trick: Wenn Verhalten pathologisiert wird, muss es nicht mehr reflektiert werden.
Nicht: „Ich habe ein Problem mit Ehrlichkeit.“ Sondern: „Mein Gehirn ist halt so.“
Nicht: „Ich verletze Menschen regelmäßig.“ Sondern: „Das ist neurodivergent.“
Grenzen werden zu Diskriminierung, Erwartungen zu Zumutungen. Alles, was früher eine Frage von Verantwortung war, wird heute zur Frage von Diagnose. Menschen verschieben damit ihr moralisches Gewicht auf eine Kategorie, die sie schützt, anstatt es zu tragen.
Selbstdiagnose als moralischer Airbag
Social Media hat den Facharzt überholt. Ein paar Symptome, ein Video, ein Self-Test – schon hat man sein Label, sein Schild, seine Unangreifbarkeit. Perfekt, kostenlos, widerspruchsfrei, unangreifbar.
Das Ergebnis: Menschen erklären sich für nicht zuständig. Für ihre Worte. Für ihr Verhalten. Für die Folgen.
Selbstkritik wird unnötig, Verantwortung optional. Reflexion wird durch Pathologisierung ersetzt. Alles, was unbequem ist, lässt sich wegdiagnostizieren.
Leiden als Statussymbol
Hier liegt der perfide Effekt: Diagnosen werden gleichzeitig als moralisches Kapital genutzt. Wer krank ist, gilt als besonders, sensibel, tiefgründig. Wer gesund ist, muss schweigen. Wer Fehler macht, aber keine Diagnose hat, gilt als egoistisch oder schlicht schlecht.
Die Inflation von Diagnosen verkehrt Moral und Verantwortung: Es lohnt sich, krank zu sein, nicht gut zu handeln. Wer sich pathologisch auflädt, entzieht sich Bewertung – und damit jeder echten Entwicklung.
Realität vs. Selbstmythos
Ja, psychische Erkrankungen existieren und sie beeinflussen Verhalten. Aber sie ersetzen keinen Charakter, keine ethische Verantwortung und keine sozialen Regeln. Nicht jeder Betrug ist Manie. Nicht jede Kälte ist Autismus. Nicht jede Defokussiertheit ist ADHS.
Manchmal ist jemand einfach unreif, egoistisch, egozentrisch oder rücksichtslos. Das auszuhalten wäre der eigentliche Fortschritt. Aber Bequemlichkeit hat Konjunktur: Es ist leichter, sich ein Label zu basteln, als zu reflektieren und zu wachsen.
Wer davon profitiert?
Nicht die Kranken. Nicht die Menschen, die wirklich leiden und therapiebedürftig sind. Sondern die Bequemen. Diejenigen, die keine Lust haben, an sich zu arbeiten, keine Reue empfinden wollen und Kritik als Angriff werten. Menschen, die Diagnosen als Schutzlack verwenden, damit alles glänzt und nichts haftet. Die Verantwortung bleibt außen vor, die Folgen bleiben minimal, und das Ego bleibt unangreifbar.
Wer ständig pathologisiert, verliert die Fähigkeit, echte psychische Erkrankungen zu erkennen und zu respektieren. Wenn alles ADHS, Autismus oder Manie ist, verliert alles seinen Maßstab. Die Menschen, die wirklich leiden, werden übertönt vom Lärm der Selbstdiagnosen. Ihre Schmerzen werden relativiert, ihr Leid verharmlost.
Klartext – ohne Zuckerguss
Psychologie erklärt Verhalten. Sie adelt es nicht. Sie entschuldigt es nicht automatisch. Wer jede soziale oder moralische Schwäche klinisch tarnt, will nicht verstanden werden – er will unbehelligt bleiben.
Er will keine Heilung, keine Veränderung, keine Verantwortung. Er will Narrenfreiheit – und der Rest der Welt hat das auszuhalten.

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