Es ist ein herrlich bequemes Schauspiel: Man sitzt im lichten Altbau in Berlin-Mitte oder im gut abgeschirmten Speckgürtel-Idyll, schlürft andächtig am Hafer-Flat-White und erklärt dem Rest des Landes mit weinerlicher Grabesstimme die Welt. Wer nicht bedingungslos für offene Grenzen, uneingeschränkte Willkommenskultur und das globale Multikulti-Utopia brennt, hat wahlweise kein Herz, keinen Verstand oder steht mit anderthalb Beinen im Faschismus.
Man fühlt sich dabei so unendlich gut, so erhaben, so unantastbar richtig.
Das Einzige, was in diesem moralischen Dauerdelirium konsequent ausgeblendet wird, ist eine banale materielle Tatsache: Die Zeche für dieses kollektive Tugendtheater zahlen niemals die, die am lautesten klatschen.
Das moralische Abonnement – all-inclusive, aber bitte ohne Lieferverkehr
Willkommen im Elfenbeinturm der modernen liberal-progressiven Elite. Hier wird Nächstenliebe nicht als tagtägliche Kraftanstrengung gelebt, sondern als Lifestyle-Accessoire zur Schau getragen. Eine Haltung, die exakt so lange wohlfeil bleibt, wie sie im eigenen Alltag keinerlei reale Konsequenzen erzeugt.
Man fordert Entgrenzung – schickt die eigenen Kinder aber selbstverständlich auf die elitäre Privatschule oder die bilinguale Montessori-Akademie, weit weg von jenen staatlichen Brennpunktschulen, an denen Lehrer längst nicht mehr unterrichten, sondern nur noch Schadensbegrenzung und Deeskalation betreiben.
Man schwärmt von der bunten Vielfalt des Kiezes – residiert jedoch in homogen gentrifizierten Enklaven, in denen die Mieten pro Quadratmeter als zuverlässigste soziale Grenzmauer fungieren. Wenn die Realität vor der eigenen Haustür doch einmal ungemütlich wird, zieht man einfach eine Straße weiter. Das nötige Kleingeld dafür liegt schließlich auf der hohen Kante.
Und was passiert, wenn die maroden Sozialsysteme, die kaputtgesparte Infrastruktur und der kollabierende Wohnungsmarkt endgültig implodieren? Nichts. Denn für die akademische Upper-Class bricht keine Welt zusammen. Ihre private Zusatzversicherung verhandelt nicht mit überfüllten Notaufnahmen, ihr Erbe puffert jede Inflation ab.
Die Exit-Option der Kosmopoliten und die Gefangenen des Betons
Das perfideste Element dieser Verlogenheit ist die jederzeit griffbereite Fluchttür. Sie offenbart sich nirgends so zynisch wie an der Frage, wie und wo man eigentlich verschnauft, wenn das hehre Weltverbessern dann doch mal anstrengend wird.
Für den einen ist der persönliche Friedensort die kleine, in den Fels gebaute Designervilla an der portugiesischen Steilküste – geschmeidige zwanzig Minuten von Lissabon entfernt. Für den nächsten ist es die Finca im Hinterland von Mallorca, auf der man bei lauer Abendbrise und einem Glas Rosé beim Aquarell-Malen endlich wieder „zu sich findet“. Oder eben das reetgedeckte Häuschen im Künstlerdorf Ahrenshoop an der Ostsee. Es sind die sorgfältig kuratierten Refugien der mobilen Oberschicht: Orte, die man ansteuert, sobald das Leben im 200-Quadratmeter-Loft in Berlin-Mitte mal wieder zu nervenaufreibend lärmt oder das saturierte Dasein in Hamburg-Ottensen schlicht zu eintönig wird. Man hat ja Optionen. Man ist schließlich Weltbürger.
Und für die anderen?
Für die anderen ist der „Friedensort“ der schmale Balkon im dritten Stock zur lauten Durchgangsstraße oder der winzige Garten eines Reihenendhauses in Duisburg-Marxloh. Eine Parzelle, ein Biotop, das sie mangels nennenswerten Vermögens niemals verlassen können – ganz gleich, wie drastisch sich das Viertel, die Schulen und die Sicherheitslage um sie herum verändern. Sie können sich keinen Puffer kaufen. Sie können nicht nach Portugal abhauen. Sie sitzen fest.
Der Bankrott der Wohlstands-Heuchelei
Genau hier zerschellt das moralische Pathos an der Realität. Was wir erleben, ist die absolute Perversion von Solidarität. Echte Solidarität beweist sich daran, was sie denjenigen kostet, der sie lauthals predigt.
Wer jedoch die Risiken, die Überlastung der Schulen, die Wohnungsnot und den schleichenden Verfall der öffentlichen Ordnung komplett nach unten delegiert – auf jene, die ihr ganzes Leben lang mit ihren Steuern und Sozialabgaben den Laden am Laufen halten –, während er selbst bei den ersten Erschütterungen die Finca-Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt, ist kein Humanist. Er betreibt blanken Klassenkampf von oben, garniert mit ein bisschen moralischer Selbstbeweihräucherung.
Es wird Zeit, diese Wohlfühl-Fassade einzureißen: Wer eine Politik der offenen Türen fordert, während er hinter dreifach verriegelten Altbautüren lebt und den Zweitwohnsitz im Süden als Rettungsanker parat hält, hat jedes moralische Recht verloren, über die Ängste derer zu richten, die im Erdgeschoss die Scherben aufkehren müssen.

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