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Identität statt Verantwortung – die neue gesellschaftliche Erzählung

In Prinzessinnenland entsteht gerade ein neues gesellschaftliches Selbstverständnis, das sich leise, aber konsequent von jeder Form persönlicher Verantwortung verabschiedet. Diagnosen – ob Autismus, ADHS, Trauma oder sonst ein Etikett – werden nicht mehr als medizinische Beschreibungen verstanden, sondern als identitäre Schutzschilde, die jedes Verhalten moralisch unangreifbar machen sollen. Das Prinzip dahinter ist durchschaubar: Wenn meine Herausforderung zu meiner Identität wird, darf niemand mehr mein Verhalten kritisieren, weil Kritik dann automatisch als Angriff auf meine Existenz gilt. Damit ist Verantwortung nicht mehr nötig, denn Identität schlägt alles.

Wenn Verhalten sakralisiert wird – zwei Beispiele

Man sieht diese Dynamik mittlerweile überall. Nehmen wir das erste Beispiel: Eine 15-jährige Schülerin, die ihre Mitschülerinnen beleidigt, schubst, einschüchtert und sogar anspuckt. Früher wäre das eindeutiges Mobbing gewesen, mit Konsequenzen, Gesprächen, Grenzen. Heute reicht ein diagnostisches Label, um das gesamte Verhalten aus dem Diskurs zu heben. Plötzlich heißt es, das sei ein „Ausdruck ihrer Neurodivergenz“, man müsse „Rücksicht nehmen“ und dürfe „keinesfalls bestrafen, sonst traumatisiere man sie“. Das Opfer wird zum Problem erklärt, weil es „zu sensibel“ reagiere, während die Täterin unter dem moralischen Schirm ihrer Identität unangreifbar bleibt. Das Verhalten wird nicht mehr bewertet, nur noch die Erklärung, die man darum herum baut.

Ein zweites Beispiel zeigt das gleiche Muster in größerer Tragweite: Ein Mann greift jemanden an und verletzt ihn schwer. Eine klare Tat, die in jeder funktionierenden Gesellschaft benannt und sanktioniert werden müsste. Doch im neuen identitären Framing reicht ein Hinweis auf „Trauma“ oder „Belastung“, um den Täter aus der Verantwortung zu schieben. Plötzlich steht nicht mehr seine Entscheidung im Fokus, sondern seine Hintergrundgeschichte. Die Tat wird relativiert, der Täter zur Tragödie umgedeutet, und das Opfer verschwindet aus der Erzählung, weil es die moralische Dramaturgie stört. Die Verantwortung löst sich auf – nicht durch Fakten, sondern durch Erzählung.

Der klassische Frame der Gegenwart lautet:

Der bequeme Ausweg – und der gesellschaftliche Preis

Beide Fälle zeigen dasselbe Muster: Verhalten verliert seine Bedeutung, sobald man ihm ein identitäres Etikett verpasst. Kritik wird pathologisiert, Grenzen werden moralisch aufgeladen, und jede Form der Auseinandersetzung wird als Zumutung dargestellt. Die Diagnose wird zur Waffe, die Diskussion wird zur Gefahr, und die Gesellschaft wird in eine permanente Bringschuld gedrängt. Wer hinterfragt, ist unsensibel. Wer auf Regeln besteht, ist herzlos. Wer Erwartungen formuliert, gilt als übergriffig.

Der psychologische Mechanismus dahinter ist simpel: Identität ist ein leichterer Weg als Entwicklung. Wenn man sein Verhalten als unveränderlichen Ausdruck seiner „Neurodivergenz“ oder seines „Traumas“ definiert, kann man sich aus jeder unangenehmen Selbstreflexion herauswinden. Identität ist stabil, sie kostet keine Anstrengung und schützt vor Kritik. Veränderung dagegen ist schmerzhaft, unbequem und voller Reibung. Also wählt man den bequemeren Weg – und die Gesellschaft liefert gleich die moralische Verpackung dazu.

Das Ergebnis ist eine Kultur, die jede Herausforderung sofort zur Pathologie erklärt und jede Grenze zur Verletzung. Eine Kultur, in der die bloße Existenz eines Labels genügt, um jede Verantwortung zu delegieren. Eine Kultur, die lieber Diagnosen schützt als Menschen. Und eine Kultur, die sich wundert, warum sie immer fragiler, konfliktscheuer und unfähiger wird, echte Probleme anzusprechen.

„X war traumatisiert. Wir müssen das verstehen.“
Und damit ist der Fall für viele schon halb erledigt.
Das Opfer? Nebensache.
Die Tat? Ein „Kontextproblem“.
Der Täter? Eine Projektionsfläche für gesellschaftliche Schuld.

Der moralische Fokus verschiebt sich komplett – weg von der Verantwortung des Handelnden, hin zu einem abstrakten Erklärungsrahmen, der jede Kritik automatisch verdächtig macht.

Die Botschaft:
Die Gesellschaft hat es hinzunehmen.
Weil die Umstände ja „Identität“ geformt haben.

Am Ende bleibt der bittere Kern: Eine Diagnose ersetzt nicht die Verpflichtung, sich wie ein sozial funktionierender Mensch zu verhalten. Und eine Identität ist kein Freifahrtschein, sich über jede Verantwortung hinwegzusetzen. Doch genau in diese Richtung driften wir – und zwar mit offenen Augen und geschlossenen Sinnen.

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